Esprit & Schmackes

Kaffeetragödien

Verschwörungstheorie über einen Kaffeeautomaten so um die 920 Wörter

Die coffeinhaltige Verschwörung gegen mich zeichnete sich bereits Mitte letzter Woche ab, als ein Ding der Unmöglichkeit direkt vor meinen Augen Gestalt annahm: der Kaffeeautomat meiner Schule war restlos leergesoffen. Ausgedörrt. Dahingeschieden.

 

Zusammen mit einigen Oberstuflern lief ich also drei Tage lang Amok, nicht wissend, was man mit der plötzlich freien Hand beim Rauchen so anstellen sollte. An besonders schlimmen Tagen bin ich sogar zum Bäcker gelaufen und habe mir etwas von der überteuerten, abgestandenen Plörre gekauft, die ich eigentlich nie anrühren wollte solange ich mir keine Bulimie ersehnte.

 

Das war nur der Startschuss, wobei mir eine Gnadenfrist von einem Wochenende gegeben wurde – wahrscheinlich nur, um mich in Sicherheit zu wiegen. Montags war der Automat immer noch leer und ich immer noch abgehetzt, wenn ich nachmittags zuhause die fehlenden Alkaloide nachkippen musste. Als sich auf N24 gerade die Kommentatoren mit Witzen über des Präsidenten Abgang überschlugen, kitzelte die unheimliche Macht meine zweite Persönlichkeit hervor – den Trottel – und ich ballerte meine volle Tasse Nescafé [Crema Sensazione, nicht der mit den Antioxidantien und rechtsdrehenden Kulturen] einmal quer über den Schreibtisch. Deren Inhalt ergoss sich zum größten Teil über meine Tastatur [4 Wochen alt] und mich.

 

Eine Küchenrolle später bemerkte ich während der Bildbearbeitung, dass sämtliche Zifferntasten ihren Willen aufgegeben hatten und ein paar Minuten darauf auch alle anderen, also fix die nächsten 30 Euro in eine neue Tastatur investiert, und wenn man schonmal dabei ist, kann man auch gleich noch die Lebensmittel nachrüsten. Meinen Einkauf hatte ich provisorisch in einen Knäckebrotkarton gestopft, darunter [aus Trotz, nehm ich an] zwei Becher von dieser gekühlten Espressoscheiße, und so schwang ich guter Dinge meine Autotür auf um den Kram auf den Beifahrersitz zu semmeln. Natürlich flog einer dieser Becher herunter und prallte direkt an der Türkante ab, um mich dann, zum zweiten Mal an diesem Tag, in Kaffee zu tunken. Sollte es jemals die olympische Disziplin Bluejeans coffeinieren geben, ich würde gewinnen.

 

Der Wahnsinn ging heute natürlich weiter. Ich komme breit grinsend am frisch befüllten Automaten im Untergeschoss an, freue mich auf eine mit Sinn erhellte Frühstückspause und glotze etwas debil meiner Vorgängerin hinterher, die wild fluchend von dannen zieht. Unter dem Kasten eine riesige braune Pfütze, die neue Halterung für die Becher so abartig verdreht wie ein Kopf nach dem Genickbruch, und man gibt mir den gutgemeinten Rat „Lass es lieber.“ Den befolge ich auch in Hinblick auf meine Hosensammlung, deren Größe das Risiko irgendwie nicht zulässt.

Total genervt nehme ich also im Aufenthaltsraum Platz, um diese verdammte Pause mit Schmollen umzukriegen, als ich einen Oberstufler mit befüllten braunen Kaffeebecher und trockenem Äußeren eintreten sehe, und ich denke mir, so schwer kanns doch nicht sein.

Also wage ich den Versuch letztendlich doch, und es funktioniert auch, bis auf das Herausplöppen des Bechers, und so sehe ich resigniert dem Koffeingetränk beim reinen Durchmarsch nach unten zu, während die Pfütze bald das gesamte Geschoss einnimmt.

 

Kompromissbereit und süchtig wie ich bin, gehe ich dann eben doch zum Bäcker des Versauens, der gerade erst eine neue Kanne angesetzt hat und mich warten lässt. Nach einigen Minuten nehme ich meinen Pott dann endlich in Empfang und versuche, den Plastikdeckel daraufzupfriemeln, während ich mich aus dem überfüllten Bereich herauskämpfe. Die Kuh hinter mir tritt auch tatsächlich einen Schritt zur Seite – leider zur falschen - und bewirkt einen ausreichenden Stoß, um die Hälfte des Suchtmittels über meine Hände auf den Fließenboden kippen zu lassen.

 

Aber mittlerweile war mir eh alles egal. Ich hatte immerhin noch einen winzigen Rest der Plörre übrig, als ich nach draußen in den Regen trat, und der reichte immerhin aus um mir beim gierigen Ansetzen des Bechers die Zunge zu verbrennen.

Trotzdem pflanzte ich mich relativ zufrieden auf eines der Sofas im Aufenthaltsraum, mit dem Gedanken, ich hätte immerhin alles gegeben an diesem Tag. Man muss ja immer das Positive sehen.

Was ich beim Nächsten, der zur Tür reinkam, sah, war ein brauner Becher in der Hand.

 

Ich hatte zwei Unterrichtsstunden bis zur nächsten großen Pause Zeit, um mich abzureagieren, komme nach einer Zigarettenlänge zufällig am Untergeschoss vorbei und sehe, dass die Pfütze unter dem Automaten weggewischt wurde, was in mir die Hoffnung weckt, das Ding könnte mittlerweile auch wieder funktionieren.

Zögernd stehe ich vor diesem Monstrum, dem Sinnbild der Katastrophe, und mit einem entschlossenen, letzten Aufbegehren für diesen Tag werfe ich die Münze ein. Meine Einbildung sagt mir, dass irgendwo in der Nähe jemand das Lied vom Tod trällert. Gespannt halte ich die luft an, und dann drück ich ihn, den Knopf.

 

Es ereilt mich kurz eine böse Vorahnung, doch dann sehe ich den Becher in der Halterung landen, und der heiße, braune, ach so göttliche Sud ergießt sich tatsächlich in dessen Mitte. Ich quieke. Ich habe gewonnen.

Die neue Halterung ist reine Schikane, man muss irgendwo etwas hochklappen damit sich der Becher nach vorne stülpt, um ihn greifen zu können, und ab soundsoviel Grad Neigungswinkel kippt er einen dann an, aber meine Hand ist da und es ist vollbracht. Jetzt höre ich Fanfaren.

 

Zufrieden gehe ich die Treppen wieder nach oben.

Mit trockener Hose.

Kommentare

was zu melden?