Esprit & Schmackes

Werbung 2.0

wie man sich eine Person züchtet so um die 1049 Wörter

Sie wollen etwas über das Internet verkaufen, finden Werbeanzeigen aber langweilig? Sie möchten lieber eine persönliche Bindung zu Ihren Kunden aufbauen?   

 

Probieren Sie's doch mal mit der Erschaffung einer fiktiven, polarisierenden Person, deren Kommunikationswege Sie ab einem frei zu bestimmenden Bekanntheitsgrad kinderleicht in Vertriebswege für Ihren Schruz umwandeln können! Klingt unglaublich? Funktioniert!

 

Zutaten:

Für den Boden:

  • ein hübsches Gesicht, das zu einem privaten Blog passt
  • einen Texter für das Verfassen von Blogeinträgen und Tweets
  • eine aussagekräftige Domain
  • einen Twitteraccount

Für den Belag:

  • eine brisante Debatte (bedienen Sie sich einfach im Garten, Saisonfrüchte genügen)
  • Publikum (kommt mit Glück von selbst, hängt von der Qualität der Früchte ab)

Für die Verzierung:

  • weitere temporäre Scheinidentitäten, die mit oder über Ihre Person kommunizieren

 

Zubreitung:

Lassen Sie das hübsche Gesicht von einem professionellen Fotografen ablichten und wählen Sie sorgsam die besten Bilder für den Twitteraccount und den Privatblog aus.

Weisen Sie den Texter an, sich in eine 19-jährige mit tiefenphilophischer Neigung hineinzudenken und unter diesem Avatar geistige Ergüsse auf dem Blog zu posten. Er darf auch ruhig seine echten Erlebnisse auf Twitter mitteilen, zum Beispiel, dass er gerade besoffen an der Bushaltestelle steht; dadurch wirkt der Auftritt gleich viel natürlicher.

Nach einem bis zwei Monaten sollten sich bereits kleine Triebe Ihrer Person gebildet haben. Lassen Sie sie gedeihen und gießen Sie regelmäßig (aber nicht zuviel). Halten Sie Ausschau nach qualitativ hochwertigen, möglichst explosiven Saisonfrüchten - je mehr Sprengstoff, desto besser das Aroma. Solche mit #aufschrei-Potenzial sind beispielsweise optimal. Positionieren Sie die Früchte möglichst gegenüber der Triebe, dann kann sich die Person am Besten - gegensätzlich - herausbilden. Den Texter sollten Sie in dieser wichtigen Phase zu Höchsleistungen anspornen.

Nach fünf bis sechs Monaten sollten Sie bereits einen hohen Bekanntheitsgrad von circa 2000 Besuchern täglich herangezüchtet haben. Falls nicht, tauschen Sie die Früchte aus.

Sie können jetzt schon in den Vetrieb einsteigen oder noch einige Zeit warten; achten Sie aber immer auf die Balance - zuviel Aufmerksamkeit lässt Ihre Person schnell eingehen! Handeln Sie also überlegt, aber rasch. Es ist kein Beinbruch, wenn Sie zwei bis drei Anläufe benötigen, bis Sie den Dreh heraus haben - jeder fängt mal klein an!

 

 

Das Netz und seine Hyperlinks. Da liest man einen taz-Artikel über Aktivitäten gegen sexistische Werbung, landet auf einer Politiknews von heise über Happy-Slapping in der Aufschrei-Debatte, bricht das Video vom miesen Vortrag "om13 ihr gehört nur mal ordentlich durchgevögelt" nach der Hälfte ab, liest den betrübt stimmenden Brief eines Vaters bei den Popcornpiraten und wundert sich eigentlich nur noch.

Nicht über die Debatte. Die hab ich erfolgreich ignoriert. Auch nicht über das Positionieren und gegenseitige Bashen, was viele internetaffine Menschen scheinbar als alternativlose Entsprechung für soziale Aktivitäten sehen. Davon müsst ich mich ja selbst ausnehmen können.


Was mich ins Grübeln bringt ist eine Werbeagentur (stellvertretend für -branche?), die solche Debatten als Aufwind für selbstkreierte Personen nimmt, um angebliche Privatblogs zu ungeahnten Besucherzahlen und Twitteraccounts zu ungeahnten Followerzahlen zu führen um schlussendlich über diesen Avatar Produkte zu verkaufen.


Diese kleine Randnotiz ist die bislang einzige Geschichte, die im Feministen-/Gender-/Pro-/Anti-/hauptsachepositioniertundausreichendempört-Wahn mein Interesse weckt.

Der heise-Artikel beginnt so:

Eine 19-jährige Kritikerin der #Aufschrei-Kampagne hat ihr Blog gelöscht, nachdem sie als Reaktion auf ihre teilweise scharfen Kommentare zu "radikalisierten Ideologien" in einem Vortrag der Piratin Jasna [...] als "Haterin" angegriffen wurde.

 

Nichts Ungewöhnliches. Gegensätzliche Meinungen in entsprechendem FuckYou-Sprech treffen aufeinander, irgendwann wird auf allen Kanälen gedroht bis einer den Stecker zieht.  Eben Haten, bis einer weint; wahrscheinlich passiert das tausendfach jeden Tag. Weiter geht's mit einer Meldung des Vaters der angesprochenen "Kritikern" und typischem Rumgezicke unter Piraten. Am Ende wurde aber noch ein kleines Update eingeschoben:

Der Blogger Malte Welding behauptet mittlerweile, hinter der Online-Identität der 19-Jährigen habe eine PR-Agentur gesteckt, die ihm dies angeblich in einer Mail bestätigte. Den Namen dieser Firma will er jedoch nicht offenbaren.

 

Na das klingt doch nett. Soviel Geschrei wegen einer billigen Werbekampagne?
Das angeblich kann man hier meiner Meinung nach bedenkenlos streichen; die Tatsache halte ich für erwiesen. Der verlinkte Blogeintrag des Malte Welding enthält eine E-Mail des Agenturbetreibers, in der dieser bestätigt, dass die 19-jährige reine Fiktion war.

Auszug:

Das “Kleine Scheusal” ist ein Projekt meiner Agentur, in dem es darum ging, einen Blog zu erstellen, der binnen eines Jahres eine möglichst hohe Leserzahl erreicht. Zweck dieses Blogs wäre letztlich der Vertrieb von Illustrationen gewesen [...]. Texte, sowie der Twitter Account, wurden von einer anderen Mitarbeiterin geführt. Es sollte der Eindruck entstehen, dass der Blog sich mit kritischen Themen ebenso auseinander setzt, wie den Übergang zu “Fashion und Fotografie”, respektive Illustration.

 

Auf dem ehemaligen Blog wurde daraufhin die Meldung verfasst, dass Herr Welding Recht hatte.

[...]

Hiermit bestätigen wir die Richtigkeit der Angaben in dem Artikel von Malte Welding. Die Informationen wurden von uns genau so an ihn weitergegeben. Der zitierte Text ist also authentisch. 

[...]

 

Mittlerweile ist dort nur noch "Das Kleine-Scheusal ist OffLine." zu lesen. Macht aber nichts. Auf der Webseite der Agentur ist die angeblich gemobbte Bloggerin mittlerweile ein vollwertiges Mitglied des Teams, kurioser Weise nach wie vor mit einer @kleines-scheusal.de-Mailadresse.

Trotzdem weigern sich immer noch einige der Leute, die Wahrheit anzuerkennen, ginge ihnen damit doch eine halbprominente Spielfigur auf dem Gender-Streit-Schachbrett verloren: eine selbstbewusste junge Frau, die gegen #aufschrei ist. Iieek! Und mit der angeblich so viele Leute auch persönlich gesprochen haben. Die buhlen geradezu darum, verarscht zu werden, wollen es dann aber auf Teufel komm raus nicht zugeben, sobald das Licht angeht. Und wehe dem, der es anknipst! Malte Welding jedenfalls wird jetzt auch ein bisschen gehasst.

Das scheint das Hauptziel zu sein - nicht nur in dieser Debatte. Das Internet ist so frei und weit, da darf jeder jeden hassen. Das ist so gängig, da machen Agenturen sogar PR-Aktionen draus. Und fallen damit auf die Fresse, aber im Ernst, hätte ja klappen können...

Kommentare

was zu melden?