Esprit & Schmackes

ach Comdirect.

Gedanken zum Realzins-Radar der Comdirect so um die 1544 Wörter

Über einen FAZ-Artikel bin ich auf die statistischen Entgleisungen namens Realzins-Radar der Comdirect gestoßen. Ich möchte mich im Folgenden darauf übergeben.

 

Der Realzins-Radar besteht letzendlich aus derzeit fünf Artikeln, die die Comdirect seit März 2017 auf ihrer Website veröffentlich hat. Die Beiträge sind leicht einschlägig tituliert:

31.03.2017 comdirect Realzins-Radar: Deutschland spart sich arm
18.05.2017 comdirect Realzins-Radar: Deutsche Haushalte verlieren langfristig 14.000 Euro durch schlecht verzinste Spareinlagen
27.07.2017 comdirect Realzins-Radar: Trotz negativem Realzins ist Tagesgeld die meistgenutzte Anlageform
20.09.2017 comdirect Realzinsverlust: Kleinsparer sind besonders betroffen
26.09.2017 Negativer Realzins: Jeder Hesse verliert 552 Euro pro Jahr

Man sieht es schon am immer kürzer werdenden Veröffentlichungsintervall und den immer spezifischer genannten Opfern: es ist ernst mit dem Realzins. Bitterernst. Frei interpretiert: Warum spart ihr Penner immer noch? Wir erzählen euch doch seit einem halben Jahr, wie beschissen blöde das ist!

Deswegen wahrscheinlich auch, kurz nach dem letzten derzeitigen Realzins-Beitrag, diese, etwas frustriert klingende, Überschrift:

28.09.2017 comdirect Spar- und Anlageindex: Deutsche interessieren sich kaum für ihre Finanzen

 

Egal, ich wollte ja den Realzins-Radarrr (arrr!) kommentieren und zwar stellvertretend den letzten, auf den sich auch die FAZ bezogen hatte.

Key Facts:

 

Negativer Realzins: Jeder Hesse verliert 552 Euro pro Jahr
Auch Bayern und Baden-Württemberger büßen jährlich rund 500 Euro ein
Bundesländer im Norden verzeichnen tendenziell geringere Verluste
Deutsche verlieren 1,9 Prozent ihres Einkommens durch Inflation

 

Okay: warum haben die Hessen jetzt die Arschkarte gezogen?

Nun, als erstes sparen sie relativ gesehen mehr als fast alle anderen Bundesbürger; Hessen ist zumindest 2015 auf Platz 3 der Länder mit den höchsten Sparquoten gelandet.

Die Konditionen für das Sparen sind allerdings, entgegen der Vermutung, die sich beim Titel aufdrängen könnte, bundesweit erstmal gleich. Die Hessen haben nicht beschissenere Zinsen als andere Bürger, das wäre Diskriminierung. Eventuell wählen sie die Banken mit den mieseren Zinsen (vielleicht die Comdirect, siehe unten), darüber gibt es aber natürlich keine Statistik.

Daraus ergibt sich: vergleichsweise hohe Sparquote + die gleichen miesen Zinsen wie alle anderen = absolut gesehen mehr Kaufkraftverlust als andere Bürger, die weniger Geld sparen.
Die Hessen haben also deswegen die Arschkarte, weil sie tiefer ins Klo packen.

Auch die zweit- und drittplatzierten Loser lassen sich durch eine verhältnismäßig höhere Sparquote erklären:

In keinem anderen Bundesland sparen die Menschen hierzuland mehr als in Baden-Württemberg. Pro Kopf und Jahr legen die Menschen im Südwesten rund 2.730 Euro zurück, so Berechnungen von tagesgeldvergleich.net. Auf Rang zwei im Ländervergleich rangieren die Bayern mit 2.650 Euro.

http://verbraucher.bankenverband.de/magazin/2017-07-07/bundeslander-ranking/

 

Aber wie kann Hessen nun Erster im Gearschtsein sein, während es nur Dritter im Sparen ist?

Dazu wirft die Comdirect jetzt einfach noch die regionale Durchschnittsinflation in den Ring; so á la Salatschleuder, sonst wär das alles ja direkt erkennbar und verständlich.

Jeder Bundesbürger verliert durch den negativen Realzins im Schnitt 1,9 Prozent seines Einkommens. Bei den Hessen sind es 2,5 Prozent.

 

Die Inflation wird aus dem Verbraucherpreisindex berechnet.

Wikipedia meint:

Der Verbraucherpreisindex für Deutschland (VPI) gibt, anhand des alle 5 Jahre aktualisierten Warenkorbes, die durchschnittliche prozentuale Preisveränderung sämtlicher Waren und Dienstleistungen des privaten Bedarfs in Deutschland an

 

und

Ausgangspunkt ist der so genannte Warenkorb, der sämtliche Waren und Dienstleistungen enthält, die aktuell von den Konsumenten am häufigsten gekauft werden.[2] Die Auswahl der konkreten Produkte für die Preisbeobachtung wird laufend in Form von repräsentativen Stichproben ermittelt und aktuell gehalten. Insgesamt 300.000 Einzelpreise für diese Produkte werden deshalb jeden Monat von 600 Preiserhebern in 188 Gemeinden und durch zentrale Preiserfassungen z. B. im Internet oder in Versandkatalogen ermittelt. Anschließend werden die einzelnen Güter des Warenkorbs rund 700 Gütergruppen zugeteilt und für jede Güterart die durchschnittliche Preisentwicklung errechnet. Als Grundlage für die Einteilung in Gütergruppen dient die COICOP-Klassifizierung, wie sie auch von Eurostat oder den Vereinten Nationen verwendet werden. Die Klassifizierung fasst die Gütergruppen noch in drei Hierarchiestufen zu größeren Kategorien zusammen, um so einen Überblick über die Preisentwicklung in unterschiedlich detaillierten Teilbereichen der privaten Lebensführung zu ermöglichen. Die oberste Hierarchiestufe bildet eine Einteilung in zwölf Güterkategorien.

https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Verbraucherpreisindex_f%C3%BCr_Deutschland&oldid=169052517

 

Keine Angst, das waren bei Weitem nicht alle Zahlen; ich wollt's kurz halten.

Dieser Index besteht also aus zigtausend Preisen von Gütern, die sich ständig ändern (weil alle 5 Jahre die "am meisten gekauften" Waren genommen werden), die dann irgendwie so im statischen Mittel gewichtet sind, dass sie definitiv nicht deine persönliche Betroffenheit repräsentieren. Bei dieser Menge an Preisen bewirkt dann eben auch jeder einzelne Zehntelprozentpunkt, den man ihrer jeweilige Gewichtung verschiebt (zum Beispiel von Nahrungsmitteln zu Wohnmieten, da letztere in München und Berlin höher sind und schneller steigen als in eher ländlichen Gegenden) eine teilweise enorme Änderung auf den ermittelten Index.

Kurzum: schöne Beschäftigungsmaßnahme Steuerverschwendung Zahlenspielerei, aber unheimlich aussagekräftig sind die Ergebnisse nicht.

Wenn also schon die Ermittlung des Verbraucherpreisindexes so ein Zahlenwischiwaschi ist und die Ermittlung der Inflation pro Bundesland, die darauf aufbaut, ein nochmalig durch die Mangel gedrehtes Wischiwaschi, dann sieht das Überkübeln dieser Datenbasis mit nochmal regionalen, durchschnittlichen Sparquoten ungefähr so aus wie meine Versuche im Malen mit Wasserfarben aus der Grundschule. Scheiße.

Hätte man den Blödsinn weggelassen und einfach nur die Fakten dargelegt, wäre ungefähr Folgendes herausgekommen: Zinsen auf Spareinlagen sind derzeit niedriger als die Inflation, wer spart verliert also real Geld, und derzeit wären die Bayern diejenigen mit den höchsten Absolutverlusten, weil sie verhältnismäßig am meisten sparen. Natürlich wird das Problem nicht deutlicher, wenn man irgendwelche Untergruppen noch auf ein Treppchen verteilt, aber andernfalls hätte man ja keine neugierig machende Überschrift anzubieten. Denn, dass die Sparzinsen niedrig bis negativ ist, weiß, glaube ich, mittlerweile jeder, der es wissen will.

DIe anderen Leute werden nach Verbraucherfreizeitgestaltungsindex auch keine Zeit mit Realzins-Radaren verschwbringen (schon allein bei dem Namen nicht).

 

Warum sparen die Deutschen dann trotzdem "so unnötig viel", wie die Comdirect anscheinend findet?

Vielleicht ist vielen das "Weglegen" wichtiger als die Rendite (jaja, total unglaublich).
Die meisten, die ich kenne, legen nur etwas Geld zurück, um sich davon in absehbarer Zeit "etwas zu gönnen". Das sind natürlich eher diejenigen, die nicht übermäßig viel Nettoeinkommen zur Verfügung haben, also die Mehrzahl der Bürger. Zum Sparen lohnt es sich auch jetzt noch, das Geld auf das Tagesgeld zu packen: es ist nicht instant verfügbar und kann schnell für Blödsinn ausgegeben werden, und es gibt im Gegensatz zum Girokonto noch ein Fünkchen Nominalzinsen.
Dieses Geld ist keines, womit die Leute nichts mehr anfangen und es "investieren" können. 

Auch die Comdirect wird ja schonmal was vom magischen Dreieck gehört haben: Rentabilität, Liquidität und Sicherheit, man kann nie alles haben, ihr kennt das. Wenn ich beispielsweise Geld für den nächsten Urlaub weglege, möchte ich nicht meine Sicherheit UND Liquidität versauen, indem ich die Kohle ein halbes Jahr vorher in Aktien stecke.

Warum also die ganze Kaffeesatzleserei und Panikmache? Naja, die Comdirect verdient mit Tagesgeld- und Girokonten natürlich kein Geld. Also, gerade so noch nicht, denn die Zinsen sind nur knapp von negativ entfernt. Mir ist jetzt auch vollkommen klar, mit welchen Tagesgeldzinsen sie diese obskuren Hochrechnungen im Artikel angestellt haben (die mit den Billionen an Verlusten von ganz Deutschland in 20 Jahren, wenn jetzt das Basisszenario 2 eintreten und immer so bleiben würde, oder so).
Da gibt es Stand heute noch großzügige, gar verschwenderische 0,01% Nominalzins – aber nur bis 10.000€! Danach ist Schluss mit lustig!

Warum das Scheißangebot dann ausgerechnet Tagesgeld PLUS heißt, kann ich mir nicht erklären (jaja, schon klar, weil es ja noch positive Sparzinsen sind, haha; nächstes Jahr heißt der Spaß dann Tagesgeld MINUS).

Die passende, überhaupt nicht riskantere Alternative hat die Comdirect natürlich gleich am Start (Angstmachen gibt es ja nur im Systemangebot mit Angebotmachen):

So sei mit cominvest, dem digitalen Anlageservice von comdirect, die Geldanlage in Wertpapiere bereits ab einer Einmaleinlage von 3.000 Euro möglich. cominvest übernimmt auf Wunsch auch die laufende Überwachung und gegebenenfalls Anpassung des Portfolios.

Jau. Das kostet dann natürlich überhaupt nichts bei höherem (auch Totalausfall-)Risiko, was uns erstmal mit einer nominalen Negativrendite vor Inflationsbereinigung sitzen lässt, die erst einmal wieder eingeholt werden muss. Deswegen ist das ja auch eine komplett andere Risikoklasse als die Spareinlage und eben nicht eins zu eins austauschbar (Tagesgeld und Robo Advisor klingen jetzt nicht so zum Verwechseln ähnlich)!

Nichts für ungut: bis auf den Notgroschen und wirklich benötigte, geplante Anschaffungen (Immobilien) bin ich auch voll dafür, sein Geld anders und demnach auch mit höherem Risiko anzulegen. Aber das ist auch bei den unglaublich rentablen Angeboten der Comdirect keine reine Frage nach der Rendite. Manchen Leuten sind Sicherheit und Liquidität einfach wichtiger. Da ändern auch irgendwelche dämlichen Realzins-Radare und dieser Hohn von einem Tagesgeld-Angebot nix dran.

 

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